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„Was Journalisten an Pressesprechern am meisten nervt“ – und was Pressesprecher*innen daraus lernen können

Ein Kommentar zum aktuellen Medientrendmonitor 2017

1.740 Journalist*innen gaben im Rahmen einer online Befragung darüber Auskunft, was was sie an Pressesprecher*innen am meisten nervt. Jetzt präsentiert der aktuelle Medien-Trendmonitor von news aktuell und Faktenkontor die Ergebnisse.

Und die sind frappierend:

Fehler be ider Presseabeit sind vermeidbar - durch Ausbildung und Medientraining

Pressesprecher und Journalisten – Vorurteile und Missverständnisse

51 % reagieren überhaupt nicht auf Anfragen – und das, obwohl sie die Medien für die Berichterstattung brauchen. Wofür sonst beschäftigt ein Unternehmen gut bezahlte Pressesprecher*innen?

45% liefern Journalisten nur Lobhudeleien und Superlative – anstatt der erforderlichen Fakten. Offenbar verstehen diese Pressesprecher*innen ihren Job vollkommen falsch: ihre Aufgabe ist nicht Marketing und Werbung, sondern Öffentlichkeitsarbeit. Seriöse Journalist*innen lassen sich nicht vor den Karren von Unternehmen spannen, sondern berichten sachlich, um ihre Zielgruppen zu informieren.

43 Prozent treffen keine authentischen, ehrlichen Aussagen – Ehrlichkeit ist gegenüber Journalist*innen oberstes Gebot. Das sollte man schon in der Ausbildung lernen. Wer das versäumt hat, sollte diese Lücke schnellstens durch ein professionelles Medientraining schließen. Der Job von Journalist*innen ist es, zu recherchieren. Wenn man gelogen hat, finden sie es heraus. Und wenn die Wahrheit durch Dritte und am besten noch häppchenweise ans Licht kommt, ist es mit der Glaubwürdigkeit eines Unternehmens dahin. Und dann viel Spaß bei der Krisenbewältigung

Immer noch versenden 40 Prozent unprofessionelles Pressematerial  –  auch das sollte eigentlich Thema einer Ausbildung zum/ zur Pressesprecher*in sein. Auch hier gibt es gute Workshops zur Presse und Öffentlichkeitsarbeit. Von Journalist*innen, die wissen, worauf es ankommt. Merke: wer mangelhaftes Pressematerial herausschickt, landet auf Ablage P, aber garantiert nicht in den Medien.

Mit komplizierten Autorisierungen nerven 39 Prozent. Auch das muss nicht sein. Es ist verständlich, dass jemand die eigenen Aussagen gegenlesen möchte. Und wenn etwas unverständlich ist oder falsch wiedergegeben wurde, kann es auch korrigiert werden. Das wird (und sollte!) kein*e gute*r Journalist*in verweigern. Allerdings sollte so etwas im Vorfeld eines Interviews abgesprochen werden. Wer im Nachgang eines Interviews ganze Artikel umschreiben und deren Aussage verändern möchte, riskiert, dass der Bericht gar nicht erscheint.

23 Prozent sind nach Versand einer Pressemitteilung nicht erreichbar. Manchmal kann man sich nur wundern: Journalismus ist ein tagesaktuelles Geschäft. Das sollten Pressesprecher*innen eigentlich wissen und damit rechnen, dass sie kurzfristige Reaktionen erhalten. Wer dann nicht auffindbar ist, hat den Medien möglicherweise ein schönes Thema geliefert – interviewt werden jedoch Mitarbeiter*innen anderer Unternehmen: nämlich diejenigen, die den Hörer abnehmen.

Fehlende Unterstützung bei Recherchen – 21 Prozent: Auch das ist erstaunlich: wer nichts zu verbergen hat, kann Journalist*innen entspannt bei der Recherchearbeit unterstützen. Ein fundierter Bericht hilft schließlich dabei, das eigene Unternehmen in seinem Umfeld gut darzustellen. Genau daran haben Pressesprecher*innen doch ein besonderes Interesse?

Telefonisches Nachfassen von Pressemitteilungen: 19 Prozent. Das gehört zum Handwerk von Pressesprecher*innen und ist ihr gutes Recht. Journalist*innen sollten das akzeptieren, anstatt sich darüber zu echauffieren. Wer Themen an Medienvertreter*innen schickt, möchte ein qualifiziertes Feedback bekommen und die Chance haben, ein interessantes Thema, ggf. in leicht variierter Form, zu einem besser passenden Zeitpunkt noch einmal anzubieten.

Belegexemplare einfordern: 6 Prozent. „Einfordern“ ist sicher nicht die charmanteste Art, aber dass Pressesprecher*innen Belegexemplare bekommen, auch ohne darum zu bitten, sollte selbstverständlich sein. Das dieses Bedürfnis häufig ignoriert wird, gehört vermutlich und verständlicherweise zu den Top Ten, die Pressesprecher*innen an Journalist*innen  nerven.

Mit dem Anwalt drohen: 5 Prozent. Wer da wen nervt und warum, und wer im Recht ist, oder nicht, kann man nur im Einzelfall und in Kenntnis der Sachlage entscheiden. Grundsätzlich ist „drohen“ nie die beste Idee. Man erinnere sich nur an Ex-Bundespräsident Christian Wulff und die Bild Zeitung…

Fazit:

Die Ergebnisse dieser Umfrage stimmen mit den Erfahrungen überein, die ich als Medientrainerin täglich mache. Es ist erstaunlich, dass Pressearbeit in vielen Unternehmen immer noch ein Buch mit sieben Siegeln zu sein scheint. Dabei ist das gar nicht so schwer:

Wer Pressearbeit macht, hat die Aufgabe, aktuelle Informationen, Inhalte, Entwicklungen und Besonderheiten aus dem Unternehmen zu kommunizieren und dafür zu sorgen, dass diese Themen in der Öffentlichkeit stattfinden. Damit das gelingt muss man wissen, was welche Medien/ Redaktionen interessiert, ihre Zielgruppen fest im Blick haben, seriös arbeiten, Themen faktenorientiert aufbereiten und Geschichten nicht aufblähen. Wer verschleiert, übertreibt, verfälscht oder versucht, Journalist*innen und Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen, dem wird es nicht gelingen, gute Beziehungen zu den Medien aufzubauen. Und dann findet das Unternehmen nicht mehr in der Öffentlichkeit statt.

Wenn aber Journalist*innen und Pressearbeiter*innen sich mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und auf Augenhöhe begegnen und offen miteinander kommunizieren, profitieren beide Seiten davon: Journalist*innen haben interessante Themen, über die es sich zu berichten lohnt.

Und Pressesprecher*innen?

Die bekommen die beste kostenlose Werbung, die es gibt – und das ist doch Ihr Ziel, oder?

(26.08.2017)