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Videokonferenz – Das Grauen hat einen Namen …

Jeden Abend dasselbe Bild: Politiker*innen, Künstler*innen, Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen und andere Expertinnen geben von zuhause aus Interviews per Videokonferenz.

Sie sitzen am heimischen Schreibtisch, oder auch an einem anderen Platz und erlauben uns einen Blick in Ihr Wohnzimmer. Die Frage ist nur: nach welchen Kriterien wird der Aufnahmeort von Ihnen ausgewählt? Machen Sie sich im Vorfeld überhaupt Gedanken darüber?

Natürlich sind Sie alle keine Fernsehjournalist*innen, Kameraleute oder Bildgestalter*innen, aber es wäre schön, wenn Sie auch in der Videkonferenz ein paar einfache Grundsätze beachten würden:

Expert*innen Interview per Videokonferenz

Abbildung 1, 3sat Kulturzeit 18.05.2020, Screenshot

1. Achten Sie darauf, dass Ihr Gesicht gut ausgeleuchtet ist (Abbildung 1), denn im Fernsehinterview wollen wir Sie erkennen können. Ist Ihr Gesicht verschattet (Abbildung 3), oder liegt es im Dunkeln – womöglich noch mit einer ablenkenden Gegenlichtquelle dahinter (Abbildung 2), so bieten Sie ein Bild des Jammers, das die Zuschauer*innen eher zum wegzappen verführt – egal wie interessant das ist, was Sie sagen.

TV-Interview per Videokonferenz

Abbildung 2, ttt titel thesen temperamente (ARD) 19.04.2020, Screenshot

2. Das Licht sollte weich sein und von oben kommen, auf diese Weise kann man auch Monsterschatten an der Rückwand verhindern (Abbildung 3).

3. Ach ja, die Rückwand, bzw. der Hintergrund: Warum verläuft in Abbildung 3 die Trennlinie zwischen gelb und weiß genau durch den Kopf der Expertin? Und was will uns die Eule im Bild sagen?

4. Expert*innen vor der Bücherwand … ein Bild, das wir häufig sehen, das aber leider auch sehr uninspiriert und austauschbar ist. Aber immerhin: angenehm in Abbildung 1 ist, dass der Kopf der Expertin sich vor einer wenigstens farblich ruhigen Fläche befindet, und das Bücherregal rechts steht, so dass es nicht von der Person ablenkt. Aber warum wachsen ihr eine Türklinke und ein Lichtschalter aus der linken Schulter? Und warum haben wir rechts zu allem Überfluss auch noch ein Stück vom Heizkörper im Bild? Und ganz unabhängig von der Tür, die das Bild auch nicht schöner macht: muss denn auch noch der Heizungsthermostat ganz links im Bild zu sehen sein?

5. Und warum trägt man in einem extrem dunklen Bild auch noch existenzialistisches Schwarz (Abbildung 2)? Warme Farben, nicht nur auf dem Hintergrund (Abbildung 2), sondern auch bei der Kleidung, schaffen in jeder Videokonferenz eine viel angenehmere und vor allem freundliche Atmosphäre (Abbildung 3).

6. Und ist es tatsächlich notwendig, die Haare abzuschneiden (Abbildung 3)? Hätte man die Kameraposition nicht leicht variieren können?

Expertin in der Videokonferenz

Abbildung 3, 3sat Kulturzeit, 06.04.2020, Screenshot

7. Eine untersichtige Kameraperspektive ist ebenfalls nicht zu empfehlen (Abbildung 2 und 3). Besonders ungünstig ist es, wenn man dann von oben herab in die Kamera guckt – das kommt nämlich beim Zuschauer genau so an, und kann ungewollt überheblich wirken (Abbildung 2).

Liebe Politiker*innen, Künstler*innen, Philosoph*innen und Wissenschaftler*innen: Das können Sie besser! Und wenn Sie unsicher sind: Lassen Sie sich beraten. Es gibt nämlich Medientrainer*innen, die auf genau diese Themen spezialisiert sind. Und die Ihnen in einer kurzen Beratungssession wertvolle Tipps hinsichtlich Bildausschnitt, Bildhintergrund, Sitzposition, Kleidung, Licht und Technik geben, die Sie leicht umsetzen können. Und die extrem wirkungsvoll sind.

Das gilt übrigens nicht nur für Interviews, sondern für jede Videokonferenz, in der man sich professionell präsentieren muss.

19. Mai 2020